Roberto Plano – Franz Liszt: Harmonies poétiques et religieuses

DECCA 481 2479 (2016)
robertoplano.com


© DECCA (2016)Der italienische Pianist Roberto Plano hat für das Label DECCA Liszts Zyklus Harmonies poétiques et religieuses (Fassung von 1853, S 173) eingespielt. Dieser Zyklus mit seiner langen und komplizierten Entstehungs- und Wandlungsgeschichte, dessen bekanntestes – und aus dem Zusammenhang des Zyklus’ wohl am deutlichsten herausfallende – Stück wohl Funérailles sein dürfte, steht im Schaffen Liszts einzig da. Seine Fassungen (und die vielen Fassungen seiner Teile) charakterisieren nicht nur Liszts lebenslange Suche nach dem musikalischem Ausdruck seiner Religiosität und religiösen Ästhetik, sondern sie sind auch Kristallisationskerne seiner Entwicklung als Komponist und Künstler.

Gesamteinspielungen, zumal früherer Fassungen des Zyklus’ wie der von 1847, sind leider selten. Roberto Plano, der sich ebenfalls für die heute am ehesten bekannte Fassung der Druckausgabe von 1853 entschieden hat, gelingt mit dieser Aufnahme ein großer Wurf. Denn er vermag es, sich auf die ganze Ausdrucksvielfalt des Zyklus in jedem Augenblick einzulassen, in den Zyklus einzutauchen, ohne sich von ihm fortspülen zu lassen, dem einzelnen musikalischen Gedanken den Vorzug zu geben vor der großen, alles beherrschenden Attitüde. Stilles Gebet, Trauer an der Grenze zum Verstummen, hymnisches Pathos, visionäre Ekstase, religiöse (und erotische) Sehnsucht – diese und noch andere Farben mag man im Spektrum des Zyklus finden. Plano verwischt sie nicht, trägt sie nicht mit dem breiten Pinsel auf. Mitunter hat seine Darstellung sogar den Mut zum Fragmentarischen, das Einzelne Isolierenden. Plano gelingt es, sozusagen in den letzten Winkel der Partitur hineinzuleuchten und bringt dort manches Juwel ans Licht. Sein Spiel strahlt große Reife, Ruhe und Souveränität aus und wirkt niemals forciert; seine pianistischen Ausdrucksmöglichkeiten scheinen kaum eine Grenze zu kennen, und – was noch mehr ist - sie stehen ganz im Dienste der jeweiligen Komposition.

Plano verlässt sich nicht auf tradierte Interpretationsmuster und Effekthascherei, er hat auf überzeugende Weise eine eigene, überaus ernst zu nehmende Interpretation entwickelt, deren interpretatorische und musikalische Schönheiten hier im Einzelnen gar nicht aufgezählt werden können. Und so muss man es folgerichtig nennen, dass er auch bei der Wahl des Instruments vom Üblichen abgewichen ist und dem »Mago Merlino« genannten Fazioli F278 Konzertflügel den Vorzug gegeben hat – ein Instrument zum Niederknien, an dessen Klangschönheit man sich in dieser bedeutenden Aufnahme mit Roberto Plano kaum satt hören kann.

Michael Straeter